— Ja. Genau deshalb treffe ich diese Entscheidung.
Sie hatte die pure Fassungslosigkeit im Gesicht ihres Vaters gesehen. 34 Jahre lang hatte sie verhandelt, Zeit gescheut und die Schläge eingesteckt. Seit ihrer Kindheit kannte sie ihre Rolle: die kluge, vernünftige, nützliche Tochter, die Erfolg hatte, aber nie das Familienbild überstrahlen sollte, die den Schaden stillschweigend wiedergutmachte. Und zum ersten Mal brach sie mit diesem Drehbuch.
Er hatte ihr die cremefarbene, mit einem Band gebundene Mappe überreicht, oder besser gesagt, sie ihr zugeworfen. Die Mappe war am Nachmittag vom Familiennotar vorbereitet worden. Eine getarnte Spende, vollgestopft mit Klauseln, verpackt wie eine Liebesgeste. Camille hatte die Mappe geöffnet, einen kurzen Blick auf die Seiten geworfen, die ihr Jahrzehnt harter Arbeit in eine Pflichtgabe verwandelten, und sie dann zu Boden fallen lassen.
- NEIN.
Das Wort war nicht geschrien worden. Es war mit solch spürbarer Schwere in den Raum gefallen, dass einige Gäste den Blick gesenkt hatten.
Dann schlug Étienne Delmas sie ein zweites Mal.
Diesmal hatte Camille die Bewegung kommen sehen. Nicht schnell genug, um ihr auszuweichen, aber schnell genug, um zu begreifen, dass es nicht mehr nur Wut war. Es war Panik. Sie brach heftiger zusammen, ihre Schläfe schlug auf die Dielen, die Lichter über ihr verschwammen, Stühle kratzten und Ausrufe ertönten. Am Rande der Bewusstlosigkeit dämmerte ihr ein Gedanke mit unheimlicher Klarheit: Sie verlor nicht alles. Sie waren es, die die Kontrolle verloren.
Als sie die Augen öffnete, umfing sie der sterile Geruch des Krankenhauses, das gleichmäßige Piepen eines Monitors und dieses schwere Gefühl in ihrer gesamten linken Körperhälfte. Gehirnerschütterung, Rippenbruch, tiefe Schnittwunde am Unterarm. Der Assistenzarzt sprach ruhig, das Morgenlicht fiel durch die Jalousien, und Camille starrte an die Decke und versuchte, das Chaos des Vortages zu begreifen. Der Moment, als Elena weggeschaut hatte. Die Gesichter einiger Investoren ihres Vaters, verlegen, aber dennoch gefasst. Der Verlobungsring, der in der Hand ihrer Schwester glänzte, während deren Blut den Boden befleckte.
Zwanzig Minuten später kam ihre Mutter herein, in einem beigen Kostüm, die Haare perfekt frisiert, als käme sie von einer Vorstandssitzung und nicht aus der Notaufnahme.
„Sie haben eine katastrophale Situation geschaffen“, sagte Agnès Delmas und schloss die Tür hinter sich.
Kein „Wie geht es dir?“ Kein „Ich hatte Angst.“ Nur die Konsequenzen.
Camille drehte ihren Kopf leicht zu ihr hin.
— Er hat mich vor 200 Leuten geschlagen.
Agnès seufzte leise, mit der eleganten Müdigkeit derer, die die Fassade noch retten wollen.
— Ihr Vater stand unter Druck. Es gab wichtige Partner, enge Familienangehörige, die Lokalpresse. Sie wissen ja, wie er reagiert, wenn er unter Druck steht.
Camille spürte, wie ein bitteres Lachen in ihrer Kehle aufstieg, doch ein Ruck in ihrer Rippe verhinderte es.
— Ist das also entschuldbar?
